Gastautor Louise: This is sailyacht Sandine. Sandine. Sandine.

Das unser Blog nach so kurzer Zeit schon Gastautoren haben wird, hab ich nicht gedacht. Doch der Bericht von Louise ist so unglaublich gut geschrieben, dass wir ihn euch nicht vorenthalten wollen. Danke, Louise, dass wir ihn hier veröffentlichen dürfen. 

Ich mag keine Reiseberichte. Sie halten nie was sie versprechen: zuerst wird man geködert durch exotische Fotos von atemberaubenden Naturphaenomenen, famos farbenprächtigen Fressalien und abenteuerverheissenden Ansammlungen fremder Menschen. Dann aber, kaum ist man angefixt vom Fernweh und der voyeuristischen Neugierde, hängt man drin in den Zeilen des fremden Freiseins und muss feststellen,dass sie alle demselben Muster folgen:

Der Reisende hat sich zunächst losgesagt von den Fängen des Alltags, ein Akt humboldtesker Entdeckerfreude. Auf der Flucht vor den Tentakeln des trüben Winters findet er erstes Heil in der Sonne und auf dem Grund von Caipirinha- Gläsern. Dann wiederlegt mindestens einen quasi festbetonierten Glaubenssatz seines bisherigen Lebens verliebt er sich mindestens einmal, findet mindestens einmal Freunde fürs Leben, lässt sich die Haare schneiden, wird mindestens einmal schwer krank, und wird zu guter Letzt zumindest bestohlen, um schliesslich von der grossherzigen Nächstenliebe und Gastfreundschaft der Einheimischen gerettet zu werden. In seinem neugewonnen Glauben an das Gute der Welt kann er die Reise fortsetzen und kehrt schliesslich mit einem Landesfähnchen mehr am Rucksack zurück in die Heimat, wo er sich über die Einfindungsschwierigkeiten mit der eigenen Bräune hinwegtröstet. Stets mit dem Gefühl die wichtigste Zeit seines Lebens hinter sich gebracht uzu haben und der leisen Arroganz des Reisenden, die uns glauben lässt, unterwegs zu sein wäre besser als sesshaft einen Stausee im Fluss des Lebens zu produzieren. Im besten Fall stimmt der Autor am Ende des Berichtes in Nichts mehr mit demjenigen überein, der er vor der Reise war. Bis auf die DNA.

Obwohl ich schon zu viele fremde Abenteuerberichte nicht gelesen habe, schreibe ich nun trotzdem selbst einen. Aus schlechtem Gewissen. Für alle nicht geschriebenen Weihnachts- und Neujahresmails, für alle noch nicht versandten Grüsse und für alle vernachlässigten regelmässigen Korrespondenzen, ein Ersatz. Hoffentlich.

Reisebericht, molto adagio

Aufwärmen. Von den Kanaren nach Kapverden.

Von Gran Canaria aus bis nach Sao Vicente sind es 872 Seemeilen, immer entlang an Afrika nach Süden. EIne Caipririnha auf die Kanaren. Wir stechen in See, mit dem Ziel auf einem schwimmenden Joghurtbecher auf dem Atlantik eine Parallele zu ziehen zu Marokko und Mauretanien, bis wir die Kapverden finden und einlaufen können in den Hafen von Mindelo. 8 Tage, sagt uns das Navigationstablet wird dieses Vohaben beanspruchen. Meine innere Uhr schaltet nach drei Tagen entsetzt ab und tritt in Hungerstreik.

…müssen Männer mit Bärten sein.

Am ersten Tag fallen die Instrumente aus. Wir verabschieden uns von Geschwindikeitsmesser, Windmesser und Echolot und geben dem Autopiloten eine Trauerfeier. Von da an navigieren wir wie die alten Semänner nach dem Kompass und per Hand und raufen uns und unsere Haare zusammen. Schlaf wird unser Piratenschatz,eingermaßen gerecht aufgeteilt wie die Golddukaten des alten Long John Silver. Der Wuestenwind Hamarttan bringt Saharasand und Heuschrecken und färbt den Tag übelgrau, die Nacht speischwarz. Aber nachdem wir die gläubige Katha an Bord haben, denken wir, dass ihre gute Seele auch für den Ablass von uns drei Heiden reicht und fürchten keine biblische Plage. Der Kapitän fragt unterdessen: „ Wenn dieser Harmattan seit tausenden von Jahren den Sand der Sahara hier ins Meer fegt, warum ist sie dann noch nicht leergeweht?

Wir halten weiter Kurs. Das ist gar nicht so einfach per Hand, aber zumindest fühlen wir uns dabei wie Marco Polo persönlich. Mindestens. Snickers, Sehnsucht und Sonnenuntergangslieder halten uns wach.

Irrtümer.

Man hat von frühsten Kindesbeinen an versucht, uns beizubringen, die Erde sei eine Kugel. Oder zumindest eine eierartige Kugel. Latzhosenbekleidet, gerade einen Meter gross und erwachsenenhörig haben wird das natürlich geglaubt. Inzwischen aber sind wir selbst erwachsen, zumindest an Jahren und stellen fest: Kein vernunftbegabter Mensch, der einmal mehr als eine Woche über den Ozean gefahren ist, wird noch ernsthaft behaupten wir wohnten alle auf einer überdimensionierten Murmel. Steht man an Deck, wo alles schwankt im Rhythmus der Wellen, die manchmal Wogen sind und manchmal hundsgemein und schaut sich um, dann sieht man: Wasser. Eindeutig, kreisrundrum und bis zum Horizont und definitv flach. Auf einer riesigen Scheibe liegend, vielleicht eine überdimensionierte CD, passenderweise mit Seemannsshanties bespielt. Alles flach so weit das Auge reicht. Und wahrscheinlich reicht es nirgendwo weiter, um weniger zu sehen.

Ein zweiter Irrtum der Menschheit muss die geläufige Evolutionstheorie sein. In den Tagen, den Momenten, den Minutenleben auf dem Wasser tut die Zeit nichts mehr, als vergehen. Das Meer ruettelt einen durch und schuettelt einen wach, alle Gedanken und viel Schutz fallen dadurch über- und durcheinander, mischen sich neu, es wird einem ein wenig schlecht dabei, die Nächte werden schlaflos und auf die guten Gedanken muss man schnell einen Fuss stellen, weil der Wind sie sonst von Bord weht. Aber irgendwie wird man auch klar. Ehe man sich versieht, ist Zeit etwas anderes geworden. Minuten werden Momente, werden Aeonen, weden Jahrmillionen. Kolumbus zwinkert uns zu und klopft einem Ichtyiosaurus auf die Schulter. Dann sehen wir Vögel und Fische. Und die fliegenden Fische sind der eindeutige Beweis: Das Leben müsste von nicht überlebensfähiger Dummheit sein, wenn es den Weg vom Wasser aufs Land nähme. Auf Wellenkämmen, mit wasserblauen Augen und salzigen Gedanken von Ferne und Freiheit bin ich sicher. Vom Wasser kann man nur in die Luft wollen. Der Umweg übers Land muss ein Irrtum gewesen sein. Frag einer die fliegenden Fische.

Mathias aber fragt: Was denken eigentlich Pinguine, wenn sie fliegende Fische sehen?

Vitamin Delfin

Nachts leuchtet Plankton und zischen Delfine durchs Wasser und ziehen fluoreszierende Schweife wie Kometen am samtschwarzen Himmel. Wir starren und staunen und kommen vom Kurs ab. Ich frage mich, ob die alten Chinesen dieses Spektakel einmal gesehen haben, bevor sie das Schiesspluver erfanden. Und ob es ein Delfin-Hormon im menschlichen Gehirn gibt. Wenn ja, dann ist es ziemlich nah dran am Serotonin, anders kann ich mir die Euphorie, die diese geselligen Kerlchen auslösen, wenn sie am Schiff entlang durchs Wasser flitzen und spritzdend Kunststückchen in die Luft springen nicht erklären. Glücksbilanz bei Delfinbeobachtung: + 97 %.

Bäumende Böen.

An einem der ersten Abende erwischt uns eine Bö, bevor wir rechtzeitig reffen (die Segel einholen) können. Sie beutelt die Sandine mit aller Gewalt und der Skipper ächzt mit dem Wind um die Wette. Alles Samt ist aus der Dunkelheit verschwunden und das Meer brüllt uns an, mit der Willkürlichkeit der Jähzornigen. Die Sandine hat so viel Krängung ( hängt so schief im Wasser), dass die Solarpanels, die an der Reling festgemacht sind fast ins Wasser unter uns reichen. Ich bin froh, als ich die Anweisung bekomme, mich hinters Steuerrad zu klemmen. Klemmen ist viel Besser als Nichts tun zu können. Wie ein Perpendikel schlägt der Baum und wie ungerecht behandelte Kinder heulen die Falls (Seile) Bis wir diese wieder beruhigen können ist eine Stunde vorbei, und das obwohl das Wasser sein Bestes tut sie zu schaukeln wie eine irrgewordene bayerischen Bauernwiege.

Am Morgen ist alles ruhig. Wasser liegt neben Wasser liegt neben Land liegt neben Wasser. Im Allgemeinen wird alles, was zwischen Land und Land liegt mit dem Zirkel abgestochen, zum Abstand degradiert und zum Ueberwinden verdammt. Unsere Reise aber ist der Abstand.

Abwege. Eine Perlenkette im Atlantik.

Es liegt in der Natur der Sache eines Segelschiffs, dass es eben den Abstand zum Ziel immer mehr verringert und sich damit Stück für Stück über seine eigene Daseinsberechtigung hinwegträgt. Nach acht Tagen tauchen die Kapverden auf und ich ab zurück ins Leben an Land: Mindelo.

Mercy on me, Mindelo.

Unbekannte Gesichter und ein zur Slackline umfunktioniertes Abschleppseil lassen die Tage schwirren und sirren und die dortige UV-Strahlung muss sich mit dem Delfin-Hormon abgesprochen haben. Afrika auf Portugiesisch und Capoeira zu Bohnengerichten. Anthony, der Physiotherapeut, der sich seine erste Gitarre ermassiert hat und nun für einen französischen Trunkenbold von Kapitän ein Boot bewachwohnt lädt ebendorthin ein. Mit von der Partie im kapverdischen Kaleidoskop: Nemo, die ein Jobangebot auf Martinique hat und ein Schiff zum Mitfahren sucht, ihr Freund Sanas, der aus Gesundheitsgründen kein Eis isst, aber seinen Zucker mit Kaffee trinkt, Mounia mit Eltern und Zielen in Marokko, die vor Fröhlichkeit nicht gehen, nur singen kann, Joaquim, der sich Jack nennt und versucht mir Kreolisch beizubringen und Bruno mit den hübschen Papageifischzähnen. Wir trinken auf die ewige Freundschaft eines Abends und den einen Abend ewiger Freundschaft und essen viel zu weiche Pasta. Mindelo ist so bunt und warm, ich will bleiben.

Halbverliebt und unverabschiedet gehe ich wieder an Bord. Nicht sicher, nicht fragend, weil Halsklösse fürchtend. Mit der Option, mich von Santiago aus um eine Fähre zurück zu kümmern. Eine Feier für Silvester und das Leben in Mindelo, vielleicht. Die Kapverden sind eine Reihe von Inseln irgendwo vor Afrika, zehn Stück Land, aufgefädelt auf eine Perlenkette und in einen hübschen Kreis gelegt. Santiago ist eine der Südlichsten davon, von dort aus sind es 1500 Seemeilen, etwa 15 Tage bis nach Südamerika. Wenn ich eins auf dem Schiff gelernt haben sollte, dann „Machs gleich.“ Später kommt der Wind und alles anders. Anscheinend verläuft meine Lernkurve nicht besonders steil.

Unheiliger Jakob.

Als wir auf Santiago ankommen ist alles Dunkel und . Ich nenne das Landkoller: Nach Tagen auf See überreizen Schnelligkeit und die Eindrücke an Land. Wir ankern in der Hafenbucht, beim Einklarieren bewacht ein Einheimischer George das Dinghy ( Schlauchboot mit Kiel) gegen Geld und weil wir es gerne haben, lassen wir uns ein wenig schroepfen. Der Strudel der Geschäftigkeit zieht und Brasilien ruft. Vor allem nach Vorbereitungen. Ich möchte noch immer ins Reisebüro, um nach einem Schiff nach Mindelo zu fragen. Das Schicksal allerdings hat keinen Schlafmangel. Ganz im Gegensatz zum Kapitän. Ein gutes Gewissen ist ein sanftes Ruhekissen sagt man und demzufolge ist er lammfromm. Langfinger freuen sich und kidnappen das Dinghy. Jämmerlich hängen die beiden gekappten Leinenstummel, an denen es festgebunden war, ins Wasser und daran mein Plan mit dem Reisebüro.

So ist die Entscheidung also für mich statt von mir getroffen und wir sitzen wieder einmal alle im selben Boot. Es wird noch am selben Tag aufgebrochen. In einem LastMinute-Anlegemanöver mit der Sandine statt dem Dinghy, springen wir an Land und erledigen was zu erledigen ist: Konserven, Zwieback, Wasser. Quasi unterwegs bietet uns George ein Dinghy zum Verkauf an. Er wandelt sich in meiner Vorstellung vom Hals- zum Leinenabschneider und zur frohen Weihnacht bekommt er vom Kapitän das Dinghy geschenkt. Drei Tage früher als geplant und mit 500l Wasser weniger im Tank als gedacht, verlassen wir Santiago. Dafür ist die Sandine nun ein Sammelbehälter für Trinkwasserkanister.

Die Kapverden rufen mir in der Abenddämmerung hinterher, ob gehen können oder bleiben können wichtiger ist und ich habe keine Antwort.

Atlantik. Tage aus Gummi.

Äquatortaufe

Sieben Tage. Seit wir in dieser vermaledeiten Flaute feststecken dauert es seit Tagen noch sieben Tage bis wir ankommen. Wir sind auf einem Segeltörn, aber vom Segeln so weit entfernt wie Deutschland vom Äquator. Selbigen passieren wir irgendwann dümpelnd und schlafen dabei. Nur Neptun ruht nie, reisst uns mit donnernder Stimme aus der feuchtwarmen Mattigkeit und begiesst die Passage des Nullmeridians mit einem Schwall Meerwasser ins Gesicht. Sekt gibt’s auch. . Das Kältespray taugt aber nicht für kohlensäurehaltige Getränke.

Mehr Sammler als Jäger.

Unsere Fischereivorhaben zeichnen sich aus durch grosse Begeisterung und lausigen Erfolg. Noch auf der Fahrt nach den Kapverden haben wir ein aalartiges Monstrum dem Meer abgerungen, das so geimeingefährlich-grausig und mindestens giftig aussah, dass wir nicht wagten es weiter anzurühren und kollektiv verstört als Leichnam zurück zu seinen Verwandten bei die Fische werfen mussten. Im Nachhinein erwies sich das Bestimmungsbuch als gnadenlos sachlich und deklarierte den armen Kerl als deliziösen Barakuda. Für unsere Psychohygiene und gegen das schlechte Gewissen haben wir ihn rückwirkend Karli getauft und sprechen nur noch gut über ihn.

Warum die Christen sich einen Fisch aufs Auto kleben.

Der zweite Fang ist weit weniger angsteinflössend und dass Fred am zweiten Weihnachtsfeiertag beschliesst sein Leben am Köder auszuhauchen, sehen wir als einen Akt christlicher Nächstenliebe seinerseits und als ein Zeichen sowieso. Er wird allerdings bitterlich gerächt von der gesammelten Fauna in einem Umkreis von 1500 Seemeilen: von da an fangen wir nur noch abgebissene Leinen und abgerissene Köder ein,außerdem einen sportlichen MaeMae, der so wunderschön goldgelb glänzt, sich schmackhaft windet und uns das Wasser im Munde zusammenlaufen lässt, nur um sich dann im letzten Moment gezielt loszuzappeln. Eines Morgens schluckt ein Hulk Hogan von einem Fisch so energisch, dass ernsthaft die zur Angelspule umfunktionierte Weidezaunspule von Bord gerissen wird. Seitdem verschwenden wir die Köder wieder mit dünnem Silk und herkömmlicher Angel, überlegen wie sich der Anker zum Angelinstrument umfunktionieren liesse und fragen uns ob so ein gepiercter Fisch mit 200 m Nylonsnur im Mundwinkel bei seinen Kollegen Eindruck macht.

Am Ende müssen wir uns eingestehen, dass die Sandine mehr fliegendene Fische mit zu wenig Anlauf ins Jenseits befördert hat als wir je Fische an der Angel hatten. Nach einer weiteren Nacht sind es noch sieben Tage.

Flaute.

Mit der Flaute kommen drei Dinge: das Salz, die Geräusche und die Langeweile. Aus dem blauen Teppich unter uns dampft das Salz, so heimtückisch frisch sieht er aus, doch er brennt beim Duschen schrecklich in den Augen und lässt alles rosten, Schrauben, Seelen, Gewand und Gedanken. Langsam überkriecht er das ganze Boot, überzieht es mit trügerisch weissem Glitzer, lässt kleben, verkleben und wir werden weiss, unsere Haare, unsere Kleider, unsere Gemüter. Schliesslich kennt man uns kaum mehr als Menschen, Salzgeister werden wir, weiss, starr und glitzernd, jeder für sich bewegungslos verharrend, die Tage zählend bis Land uns erlöst von unserer schicksalhaften Salzgemeinschaft, vom Schweigen, vom Erwarten, von der Langeweile, der Starre, von uns. Nur wenn wir die Segel setzen müssen, dann erwachen wir, werden Menschen und lebendig, denn diese paar Quadratmeter Tuch sind es, die uns weitertragen, die uns Hoffnung geben, irgendwann zu entrinnen und den Rest unseres Lebens in einem grossen Eimer Süsswasser zu verbringen. Bis dahin haben wir 5l pro Tag und Person und träumen vom Duschen.

Bei Flaute ist Segeln eine Kakophonie. Das Boot allein schon ächzt, stöhnt, knarrt und knattert, die Leinen pfeifen, schlagen und quietschen, das Wasser gluckert, sprudelt und schlägt und anders als man erwarten würde rumpelt das Schiffe viel mehr hin und her als wenn das sanfte Vorwärts der Fahrt die Wellen dämpft. Immerzu rollt und rumpelt etwas in den Schapps (Schränken) hin und her . Die lange nicht angetasteten Weinflaschen im Versteck des Salontisches stossen arythmisch aneinander zum Gegurgel des Wassers in der Bilge ( Hohlraum unter dem Boden im Innenraum des Bootes). Dazu kommt das Geklirr zersplitternder Gemüter, das zähe Ziehen unerlebter Zeit, das dumpfe Blubbern unerfüllter Bedürfnisse. Die Unbefriedigung zieht schleimig-schnorchelnd einen Film über die Geräuschsuppe und nur ab und an schwenken gutseelige Matrosen einen fürsorglichen Holzstab, um zu rühren, sodass das Gemisch etwas langsamer gärt. Wir liegen im Sud unserer eigenen Gedanken, gefangen im Gewohnheitstrott unserer Verhaltensweisen, die sich nun, so isoliert von jeder Ablenkunsmöglichkeit kaum mehr in die Verkleidung alltagstauglicher Gepflogenheiten zwängen lassen. Noch sieben Tage, wieder einmal. Unsere Haare wachsen. Wenn wir aneinander geraten, dann auch auf den Zähnen.

Segeln ohne.

Es faellt leichter aufzuzählen was wir noch haben, als was wir nicht haben. Die Sandine ist ziemlich defizitär unterwegs: Kein Süsswasser im Tank, kein Dinghy, kein Kühlschrank, kein Spibaum mehr (Metallstange, mit der sich das Segel bei geringem Wind stabilisieren lässt. Er hat sich in einer Bö unangenehm verabschiedet), kein GPS-Signal, kein Obst mehr, keine Angelspule und kein Wind. Als auch noch das Radio den Löffel abgibt bin ich kurz wirklich geknickt. Woher soll nun der Kitsch kommen, den es braucht um dem grenzenlosen Geschaukel des Atlantiks ein Stück romantische Freiheit abzugewinnen? Man muss aber wissen, dass bei einem Boot dauernd irgendwas kaputt ist. Menschen träumen vom Segeln und in der Realität reparieren sie Boote, sagt Noé, der mit seinem Vater und Bruder unterwegs ist nach Brasilien und steigt in seine Schweisserstiefel. Aber ein Königreich für einen kalten Saft! In sieben Tagen.

Täglich geht einer unserer kulinarischen Kollegen von Bord. Die Schlieren, die haltbare Milch (welche Lüge.) und Co im Blau des Meeres hinterlassen sind der Marmor auf den Grabplatten unserer Vorräte. Essen ins Meer zu werfen ist schlecht für die Moral an Bord. Aber nötig für die Gesundheit. Einen nicht funktionierenden Kühlschrank bei feuchttropischen Temperaturen von Abgestorbenem und wieder Lebendem zu befreien auch. Ich werde nicht seekrank von den Wellen, aber das war dann doch zu viel für meinen Magen.

Zeit vergeht doch: Zahlen wechseln.

Neujahr auf dem Meer bemerken wir kaum, trinken noch einen warmen Schluck Sekt und schauen weiter der Zeit zu, wie sie vom Meergebirge zerschaukelt wird. Ein einsamer Böller und drei Kerzen auf dem Wasser erschrecken sie, sodass sie für einen Moment die Luft anhält und sich selbst überspringt. An Weihnachten hingegen, habe ich Heimweh. Wir setzen einen Funkspruch ab in die Leere des kilometerweiten Nudeltopfes: „ All stations. All stations. All stations. This is sailyacht Sandine. Sandine. Sandine. We wish a merry christman to all seaman and women!“ Wir harren, hoffen und hören: nichts. Als wir Tage später einen Frachter passieren, ein erstes Zeichen von Menschen, ein Indiz dafür, dass wir nicht erfunden sind, keine Figuren eines psychologischen Romans, sondern tatsächlich noch anderes Leben herrscht auf diesem Meerwüstenplaneten, gehe ich völlig irrational davon aus, dass er doch nun antworten müsste. Aber er schweigt nur Totenstille aus dem Funkgerät herüber und schiebt sich stoisch silbern an uns vorbei in Richtung Singapoor. Heimweh nach dem Mittelmeer. Heimweh nach dem Mittelmeer, was rede ich da? Die paar Tage die ich dort verbracht habe, bevor ich hierher aufgebrochen bin. Wo ist denn überhaupt daheim, frage ich mich. Der Linguistikprofessor im senfgelben Strickpulunder lächelt, schiebt seine Brille nach oben, zückt den Rotsift, unterringelt das letzte Wort und schreibt klein „zuhause“ darüber.

Auf die letzten Meter bekommen wir gesammelt Bauchschmerzen und Durchfall. Meermüdigkeit macht sich breit, aber der See ist das egal.

Sandine.

Ein Schiff ist keine Keimzelle der Demokratie. Der Skipper hat immer Recht, aber ist dafür auch immer Schuld. Manchmal ist einen Panzer zu haben die bessere Strategie, als Dinge klären zu wollen. Man lernt immer, denke ich, nur eben selten genau die Dinge, die man erwartet. Die Sandine, eine Heterotopie, wie Museen, Gefängnisse oder Klöster, in denen die normalen Gesetze der Gesellschaft nicht gelten, für einen Übergeordneten Zweck. Ein Stück Land verloren im Nirgendwo und doch unterwegs ins Irgendwo. (…) Wo Blumen der Sonne entgegen wachsen, fällt auf der anderen Seite ein Schatten auf den Boden. Mal menschelt und mal fischelt es.

Bisweilen ist es unglaublich was man sieht. Bisweilen kaum auszuhalten was man nicht sieht. Vor allem aber anderen sieht man blau. Morgen kommen wir in Brasilien an. Vielleicht sollte ich dann mal meine DNA checken lassen. Noch sieben Tage.

 

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